„Kein Stand, kein Geschlecht, kein Alter wurde verschont. Ganze Familien, ganze Dörfer starben aus. 1635 hatte Owen 544 Pesttote. Die furchtbar ansteckende Seuche zog von Haus zu Haus, von Gasse zu Gasse. […] Kein Arzt konnte helfen; denn bei den Leuten fehlte das Veständnis für ein hygienisches Verhalten.“ So schreibt Rudolf Locher in seiner Ortsgeschichte „Das Alte Owen“.(1) Zur Illustration ist das sogenannte Pestbild von 1542 abgebildet es soll an alle diese schweren Jahre erinnern, insbesondere aber an das eine: das Jahr 1542.
Der aufmerksame Betrachter, nicht unvertraut mit apokalyptisschen Darstellungen der Pest, stellt irritiert fest, dass an den Figuren auf dem Bild nichts auf eine Erkrankung an der Pest hindeutet. Auch scheint die Komposition des Bildes in der Gänze unausgewogen, das luxuriöse Ruhebett in der linken oberen Ecke wirkt störend. Er fragt sich also, was für eine Botschaft das Bild vermittelt, vermitteln soll. Und ob im Jahr 1542 die Pest in Owen wütete.
Annäherung an das Bild Das Bild, eingefasst von einem massiven schwarze Holzrahmen mit gefräste Kontur in gealtertem Gold, wird umrahmt von einem gelben Passepartout, das oben und unten stärker ausfällt als an den Seiten rechts und links. Neben der bereits erwähnten Bildunterschrift findet sich in der Ecke unten rechts die Notiz „Erneuert 1893.“ Unter dem eigentlichen Bild, das sich firnisdunkel vom gelben Passepartout abhebt, steht in einer der sogenannten „Theuerdank-Fraktur“ gleichenden Frakturschrift aus dem 16. Jahrhundert in zwei Zeilen ein eigener Text, darunter eine dritte Zeile sehr klein und kaum lesbar.(2):
labe meine zunge, dan Ich wirdt Sehr peiniget in disem flammen. Lucæam. 16. a(nn)o 1542.
Ren: 1675.
Im Heimatbuch des Kreises Nürtingen von 1953 wies der Kunsthistoriker Adolf Schahl (1908-1982) darauf hin, dass diese aus dem Lukasevangelium (16, 19-31) stammenden Zeilen dem Bild möglicherweise eine religiöse Aussage des Bildes verleihen:
„Das sog. Pestbild, ein angebliches Gedenkbild an die Pest von 1542, auch als Darstellung des Säubads bekannt, ist in Wahrheit eine Allegorie auf das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus und könnte aus einem Spital stammen. […] Im Hintergrund sieht man das Stadbild von Owen. […] Das im zweiten Viertel des 15. Jahrh. gemalte Bild wurde 1675 und 1893 übermalt.“(3)
Die von Schahl angenommene Entstehungszeit in der ersten Hälfte des 15. Jahrhundert steht in zeitlicher Nähe zur Ersterwähnung des Säubads im Jahr 1487 im Owener „Städtlenbuch“, der Zeithorizont der Theuerdank-Fraktur der Bildlegende scheint nicht allzu weit entfernt. Die Kleidung der dargestellten Figuren zeigt die Modemerkmale der ausgehenden Renaissance im Übergang zum „spanischen Barock“(4) im 16. Jahrhundert, der zwischen etwa 1550 und dem Dreißigjährigen Krieg die Kleidermode prägte. Die in der Mitte stehende reichgewandete Dame ist mit einem knöchellangen Kleid unter der Schaube gekleidet und trägt als Kopfbedeckung eine Kalotte und ein Barett. Sie gehört offensichtlich zum Adel oder gehobenen Bürgertum. Der neben der Dame im Vordergrund des Bildes stehende, übergroße, mit Eisenbeschlägen und einem Schloss gesicherte Opferstock versinnbildlicht plakativ die mit dem Lazarus-Gleichnis eingeforderte Mildtätigkeit. Zwischen der Dame und dem Opferstock befindet sich eine kleine rechteckige Fehlstelle, die eine Öffnung zu verschließen scheint.(5)
Die Dame und der Opferstock werden links und rechts von jeweils zwei männlichen Figuren flankiert. Drei sind unverkennbar Invaliden: Die winkende Figur rechts am Bildrand geht aufrecht, jedoch mit zwei Achselkrücken. Die zweite Figur rechts kniet auf Trippen, ihm fehlen die Füße.(6) Der dritte Invalide, links im Bild, bewegt sich mit einer Kniekrücke und zwei Achselkrücken fort. Der Vierte, links am Bildrand, scheint aus dem Bild zu gehen, für die drei löffelähnlichen Gegenstände in seiner linken Hand findet sich keine Deutung. In der linken oberen Ecke ist symbolisch das Säubad mit einem luxuriösen Ruhebett an einem See dargestellt(7), auf welchem sich ein Badegast von den Strapazen des Bades erholt. Darüber in einer hybriden Frakturvariante des 19. Jahrhunderts „Das Säubad“, rechts dazu „Kranke, welche in das Bad kom[m]en.“
Den Hintergrund des Bildes dominiert die idealisierte Darstellung von Owen; sie zeigt unperspektivisch die südliche und westliche Seite der Stadt, letztere erstreckt sich augenscheinlich bis in den nördlichen Bereich der Stadtbefestigung, wo einmal ein Turm die nordwestliche Ecke der Stadtbefestigung sicherte. Dieser von den Stadtmauern flankierte Turm trägt über dem Tor ein Stadtwappen. Er befindet sich an der Stelle, an der sich früher das „Törle“ befand, der Turm rechts ist das Obere Tor. Dahinter wird die Stadt vom Hohbol überragt.(8)
Infrarotreflektografie und Gutachten Das Bild wurde zur Eröffnung des Geschichtshauses am 19. November 2011 umfangreich restauriert, neu gerahmt und über die während der Reinigung und Befundung gefundenen Ergebnisse ein Gutachten erstellt.(9)
Abb. 2: Die Rückseite der aus dem Rahmen gelösten Bildtafel.
Abb. 3: In den Markierungen unmittelbar unter der Basis des Opferstocks sind Reste des Vorläufertextes erkennbar; in den übrigen Markierungen Retuschen am Text.
Abb. 4: Die rechte Seite der Stadt: links der Torturm am „Törle“, rechts das 1837 abgebrochene Obere Tor.So zeigt sich an der Rückseite, dass die scheinbar aus einem Stück bestehende Tafel in Wirklichkeit aus drei Brettchen besteht. Das mittlere Brettchen, der Träger des Bildes, ist zweimal gebrochen und wurde mit zwei aufgeplatteten Holzspangen gesichert. Die Spangen, das obere und untere Brettchen wie auch der oben erwähnte Verschluss der Öffnung in der Mitte sind von einem anderen Holz als das mittlere Brettchen, welches zudem älter zu sein scheint.
Im Rahmen der maltechnischen Untersuchung wurde versucht, mit infrarotem Licht durch die Bildschichten hindurchzudringen, also gewissermaßen hinter die Kulisse von Firnis und obere Malschicht zu schauen. Auf den Infrarotaufnahmen werden bei allen Gegenständen und Figuren die kontrastierenden schwarzen Außenlinien deutlicher sichtbar als bei normaler Betrachtung, auch dass ein schwarzer Konturrahmen das ganze Bild umgibt. Für die Bildunterschrift lässt sich nachweisen, dass der Text in Gänze neu aufgemalt wurde; die ursprüngliche Buchstabenfolge lässt sich jedoch nicht entziffern und ist möglicherweise auch nur noch fragmentarisch vorhanden. Dafür treten Retuschen, die später am Text vorgenommen wurden, deutlich hervor.(10)
Insgesamt werden in den Infrarotaufnahmen viele Schäden in der Malerei sichtibar. Beispielsweise ist das Gesicht der linken, auf Krücken gestützten Figur nur noch zur Hälfte vorhanden. Der linke Unterschenkel ist rot verfärbt, auch die auf Trippen knieende Figur zeigt rötliche Verfärbungen auf den Oberschenkeln. Ob darin die Folgen einer Arteriosklerose mit einem Brand gesehen werden können, lässt sich nicht entscheiden.(11) Auch im Kleid der Dame gibt es Fehlstellen. Ursache sind Schichtentrennungen, d.h. lose Partien der Malschicht zeigen sich auf Grund ihres unterschiedlichen Reflektionsverhaltens hell refektierend. Die Malschicht wurde daher im Zuge kleinerer restauratorischer Eingriffe wieder fachgerecht mit dem Bildträger verklebt. Rote Farbreste im rechten Randbereich des Gemäldes lassen vermuten, dass das Gemälde wie im Mittelalter üblich rot umrandet war. Weitere Farbreste links und rechts auf dem mittleren Holzbrettchen, die im Rahmen verborgen sind, weisen darauf hin, dass unter der gelben Farbschicht Farben eines anderen Bildformats liegen. Insgesamt kann das ursprüngliche Bildformat jedoch nicht bestimmt werden.(12)
Auf den Infrarotaufnahmen sind auch Details zum Stadtpanorama erkennbar. Dass auf dem Turm am „Törle“ das Stadtwappen zu sehen sei, wurde immer wieder behauptet. Im Wappenschild sei wie in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts üblich deutlich erkennbar eine oben quer liegende Hirschstange. Darunter klein statt eines „O“ einige sternähnlich zusammenlaufende Pinselstriche, so als hätte der Renovator von 1675 das verblasste Wappen nicht mehr erkannt. << Anmerkung3 >> Im Turm rechts, dem 1837 abgebrochene Obere Tor, befand sich das Ortsgefängnis „und es stimmt dazu ganz, daß auf unsrem Gemälde das Fenster über dem Thor rechts vergittert erscheint“, wie Klemm weiter anmerkt. Bei diesem Gitter handelt es sich allerdings um ein Fallgatter, einem Bestandteil der Torkonstruktion in mittelalterlichen Burgen und Stadtbefestigungen.
Kopfbild: Ausschnitt aus dem sog. Pestbild von Owen. Eigentümerin des Pestbildes ist die Kirchengemeinde Owen. Es hängt als Dauerleihgabe in der Ausstellung im Geschichtshaus und unterliegt dem urheberrechtlichen Schutz nach ➤ CC Creativ Commons.
↑ (1)Locher, Rudolf: Das alte Owen, hrsg. vom Bürgermeisteramt Owen (ohne Jahr), S. 75-78.
↑ (2)Die Fraktur war seit Mitte des 15. Jahrhunderts die meistbenutzte Druckschrift, wurde aber auch mit der Hand geschrieben. Die hier vorhandene Fraktur hat große Ähnlichkeit mit der sog. ➤ Theuerdank-Fraktur nach dem Titel eines aufwändig gestalteten Versromans aus der frühen Zeit des Buchdrucks, der von Kaiser Maximilian I. (reg. 1486–1519) in Auftrag gegeben und 1517 fertiggestellt wurde.
↑ (3)Heimatbuch des Kreises Nürtingen, Bd. 2 (1953), S. 1022. Die Datierung in das 2. Viertel des 15. Jahrhunderts ist sachlich zu bezweifeln; das Säubad wurde einer Legende zufolge im 3. Viertel (1468) entdeckt. Vgl. Rooschüz, Paul: Owen. Seine Geschiche und seine Denkwürdigkeiten. Stuttgart (1884), S. 150. Der erste schriftliche Nachweis des Säubads findet sich im Städtlenbuch von Owen, Stadtarchiv Owen, OB 88, fol. 44v.
↑ (4)Die männlichen Figuren tragen spanische Männertracht, kurze, den halben Oberschenkel bedeckende Hosen, dazu Trikotstrümpfe, die das Bein vom Fuß bis zum Oberschenkel eng umschließen: ➤ Kleidermode des Spanischen Barock. Allgemein zur Mode des ausgehenden Mittelalters: ➤ Kleidermode der Renaissance.
↑ (5)Die ➤ Schaube ist ein weiter, oft glockiger, vorn gänzlich offener, ungegürteter Überrock, der im 15. Jahrhundert aufkam und bis ins 16. Jahrhundert getragen wurde. Die ➤ Kalotte kam Ende des 15. Jahrhunderts als sogenannte Haarhaube (Unterkappe) zusammen mit dem Barett auf, um dem oft wie ein flacher Teller auf der einen Seite des Kopfes sitzenden Barett eine Befestigung zu ermöglichen.
↑ (6)Trippen sind Unterschuhe aus Holz, die unter die eigentlichen Schuhe geschnallt werden. ➤ Trippe. Zur ikonodiagnostischen Klärung der dargestellten Krankheitsbilder trägt eine Email von Prof. Dr. Andreas Nerlich vom Institut für Rechtsmedizin der Universität München vom 20.04.2026 bei. Für die dargestellten Krankheitsbilder könnte eine Arteriosklerose mit einem Brand der Gliedmassen, aber auch die eher seltene Endangiitis obliterans (M. Winiwarter-Bürger), für den Verlust der Füße auch eine lokale Entzündung nach einer Verletzung angenommen werden. Anzeichen für die durch das Bakterium Yersinia pestis verursachte Pest sind nicht erkennbar.
↑ (7)Die Deutung der gelben Fläche als See findet sich bei Hochstetter, Eduard Friedrich: Nachricht über die 1890 in der Marienkirche zu Owen vorhandenen Bilder u. Grabsteine, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Signatur: Mappe.Owen [A-25-042]; ders. Die Teck und Owen, in: Blätter des Schwäbischen Albvereins, 1891, Band 3, Heft 6, S. 71.“
↑ (8)Andreas Kiesers Ortsansicht von Owen in den Forstlagerbüchern zeigt die Westfront der Owener Stadtbefestigung bis zur nordwestlichen Ecke. Landesarchiv Baden-Württemberg/Hauptstaatsarchiv Stuttgart, H 107/7 Bd. 5 Bl. 6 Bild 1. Alfred Klemm (1840-1897) bezweifelt 1891, dass dieser Turm ein Torturm gewesen sein könnte, er sei vielmehr ein Teil der Stadtbefestigung; „es erklärt sich daraus, daß man jetzt in Owen von einem Dasein dieses Turms an dieser Stelle, d. h. an der nordwestlichen Ecke keine Erinnerung mehr hat.“ Ders., Das vermeintliche Bild der Burg Teck, in: Literarische Beilage des Staats-Anzeigers für Württemberg 1891, Nr. 6-7, S. 84-87. Das auf einen Berg versetzte Stadtpanorama erscheint in Christian Friedrich Sattlers Historische Beschreibung des Herzogthums Würtemberg, Stuttgart und Eßlingen 1752, Fig. 17, als Prospect des uralten Schloßes TECK bey Kirchheim 1752 und begründet eine eigene Ikonografie in der Darstellung der Burg Teck vor der Zerstörung im Bauernkrieg.
↑ (9)Gutachten zur Restaurierung eines Holztafelgemäldes vom 24. August 2011, brieflich mitgeteilt von Niclas Hein, Restaurator (Dipl.-Rest.), Stuttgart. Die Maße der Tafel und des Rahmens gehen aus dem Gutachten nicht hervor. Sie wurden vom Autor 2025 erhoben und erheben keinen Anspruch auf absolute Richtigkeit. Abmessungen: Rahmen = 675×510 mm, Bildmaß (im Rahmen sichtbar) = 560×400 mm, Gemälde (schwarz umrahmt) = 530×264 mm.
↑ (10)Gutachten, wie Anm. 9, Abschnitte Restaurierung und Bildunterschrift.
↑ (11)Wie Anm. 6, Zur ikonodiagnostischen Klärung …
↑ (12)Gutachten, wie Anm. 9, Abschnitte Restaurierung und Bildunterschrift. Ein auffälliger zeigt sich in der Infrarotaufnahme der ganzen Bildtafel: Die Schichtentrennungen und Fehlstellen finden sich überwiegend in der rechten Bildhälfte. Die Abbildung des Säubads und die Figur darunter sind frei von Schäden.
