Urkunde aus dem Jahr 1276

Aus der Geschichte der Zähringerstadt Owen

Herzog Konrad von Teck (d.J.) bestätigt eine Stiftung
an das Kloster in Kirchheim

Württembergisches Urkundenbuch (WUB) Band VII, Nr. 2600, S. 450-451
Kirchheim im Kloster, 1276 Juni 20. Herzog Konrad von Teck beurkundet, dass Adelheid von Damiat eine durch seinen Vater an ihre Mutter pfandweise gekommene Gült von 3 Urnen Weins aus einem Weinberg bei Owen um ihres Seelenheils willen dem Kloster Kirchheim geschenkt hat.
Sprache: Lateinisch; Ausstellungsort: Kirchheim im Kloster; Lagerort: Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart im Bestand Altwürttembergisches Archiv; Signatur/Titel des Originals: A 493 U 340; Regesten: Württembergische Jahrbücher (1846), S. 134, Nr. 21.

Das Liegenschaftskataster von 1828 verzeichnet in der Karte Nr. 0726 ein Gewannstück mit dem Namen ‘Lange Baindt’. Wo das Urkataster noch Äcker verzeichnet, findet sich heute eine dichte Bebauung. Die ‘Lange Baindt’ war einst lokalisiert auf der Höhe des Oberen Tors, das Gelände ist heute wie in einem Viereck umfriedet von der Bohlstraße, dem Rebenweg und dem Hopfenweg. Die Urkunde A 493 U 340 nennt dieses Gewannstück mit ‘diu Biunde’ und wirft damit zugleich Fragen zur frühen Geschichte Owens auf.

Urkundentext nach dem Original und Übersetzung ins Deutsche
Satzanfänge werden mit einer in eckige Klammern gesetzte Ziffer markiert, Trennungen mit doppelten Schrägstrichen. Die Übersetzung in das Deutsche folgt soweit möglich dem Original wörtlich.

[1] Cůnradus dei gratia dux de Tekke universis presentes litteras inspecturis salutem et notitiam subscriptorum. [2] Constare cupimus universis, quod Adelhaidis dicta de Tamiat redditus trium urnarum vini de vinea nostra sita iuxta fossatum apud Owen versus ecclesiam, que vulgariter dicitur diu Biunde, in quibus matri sue successit, quos redditus bone memorie Cůnradus quondam pater noster Rilindi matri prefate Adelhaidis, cum eam Bernhero marito suo militi de Ta // miat matrimonialiter copulavit, nomine donationis, que vulgariter dicitur zůgelt, pro quindecim marcis argenti titulo pi // gnoris obligavit, de nostro consensu et plena voluntate . . priorisse et conventui sanctimonialium in Kirchain contulit in anime sue remedium et salutem. [3] Predicte vero priorissa et sanctimoniales eosdem redditus vini recipient memorati, quousque ipsis quindecim marcas legalis argenti assignabimus et integre persolvemus eo iure, quo ipsa Rilindis recipere potuisset. [4] In cuius rei testimonium presentibus sigillum nostrum duximus appendendum. [5] Testes qui hiis interfuerunt sunt: Marquardus prepositus ecclesie in Bolle, U{O}lricus miles de Kirchain pater suus, magister Heinricus notarius noster, Heinricus fi // lius quondam dicti Alwer de Tummenowe et alii quam plures fide digni. [6] Actum et datum apud Kirchain, in domo monialium predictarum, anno domini MCCLXXVI., XII. kalendas Julii, indictione IIII.

[1] Konrad(a), von Gottes Gnaden Herzog von Teck, nach pflichtgemäßer Prüfung der vorhandenen Dokumente sowie der Geschäftsfähigkeit und der Identität der Unterzeichner(b). [2] Wir wollen, dass allseits feststeht, dass Adelheid, genannt von Tamiat, eine Gült von drei Eimern Wein aus unserem Weingarten(c) gelegen neben dem Befestigungsgraben(d) zu Owen gegenüber der Kirche, der herkömmlich ‘die Biunde’(e) genannt wird, in die sie ihrer Mutter nachfolgte, diejenige Gült, welche nach guter Einnerung ehemals unser Vater Konrad(f) der Rilindis, der Mutter der vorgenannten Adelheid, als er sie mit ihrem Gatten, dem Ritter Bernherus de Tamiat vermählte, aufgrund einer Schenkung, die gemeinhin ‘Zugeld’(g) genannt wird, anstelle von fünfzehn Silbermark(h) zum Pfand gab, in Übereinstimmung mit uns und aus vollem Willen der Priorin und dem Konvent der Ordensfrauen in Kirchheim zugewendet hat für ihr Seelenheil. [3] Die Vorgenannten, [nämlich] die Priorin und die Ordensfrauen, werden selbige auf den erwähnten Wein bezogene Gült in der Tat annehmen, insoweit wir [Konrad] ihnen fünfzehn Mark dem Gesetz entsprechenden Silbers zuschreiben und redlich leisten werden entsprechend der Rechtslage, aufgrund deren Rilindis selbst Leistungen hätte empfangen können. [4] Zum Beweis dieser Agelegenheit haben wir vor den Anwesenden unser Siegel(i) angehängt. [5] Zeugen, die diesem Vorgang beigewohnt haben, sind: Marquard, Kirchvorstand in Boll, Ulrich, Ritter von Kirchheim, sein Vater, Magister Heinrich, unser Notar, Heinrich, der Sohn des verstorbenen Alwer von Tummenowe, und sehr viele andere vertrauenswürdige Personen. [6] Geschehen und gegeben zu Kirchhheim, im Haus der vorgenannten Ordensfrauen, im Jahre des Herrn 1276, 20. Juni(j).

A 493 U 340, recto, lesbarer Text, Mitte: Adelheid von Tamiat hat geben // 3 aymer wins zu owe[n] ge[nannt] // die biunde wingarten // 2[0]. Junni 1276
daneben und unten: Archiv Cl. Kirchheim // A 1 […] // Nro. 8.
A 493 U 340, verso, Text nach dem Original und deutsche Übersetzung

Textkritischer Apparat zur Übersetzung: (a)Konrad II.; 1235-1292; (b)Notarformel, sinngemäß wie heute; (c)Gült: [redditus, us, m; hier: acc. pl.], als dingliche Schuld eine Art Grunddienstbarkeit, wohl jährlich zu entrichten; Eimer: altes Flüssigkeitsmaß für Wein; mit Wörterbuchnetz DWB darf die Herkunft von ‘amphora, urna’ angenommen werden, dabei umfasst eine ‘amphora’ zwei ‘urnae’, eine ‘urna’ nach heutigem Maß ca. 13 l; vgl. Friedrich Otto Hultsch: Griechische und römische Metrologie. Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1862; (d)fossatum: spätlat. Graben, Befestigungsgraben. Mittellateinisches Wörterbuch (bis zum ausgehenden 13. Jahrhundert) hg. von der Bayerischen Akademie der Wissenschaft, Bd. 4, Lemma fossatum; – Der früheste Nachweis des Begriffs findet sich im Codex Theodosianus 409 n. Chr. mit ‘fossatum africae’ für eine römische limesartige Befestigung in Nordafrika; (e)[‘que, quae’ bezogen auf ‘de vinea’: biunta, piunta, ahd., biunte, biunde, biunt, mhd., später beunde, beunte, nhd.], umfriedetes, der Gemeinnutzung entzogenes und für besondere Kulturen genutztes Grundstück im Außenbereich; Wörterbuchnetz: AWB, BMZ, DWB, FWB, Lexer; (f)Konrad I.; 1195-1244/49; (g)Brautgeld; eine Gabe an die Braut anlässlich der Eheschließung; (h)Gewichtseinheit für Edelmetall, seit mindestens dem 9. Jh. mit einem halben römischen Pfund gerechnet, hauptsächlich nach der Kölnischen Mark zu 233,855 g; Brockhaus, Bd. 12 (1971), Lemma: Mark; (i)Das Siegel fehlt, der Schlitz für die Durchfädelung des Siegelbandes ist deutlich zu erkennen; (j)Das Datum der Urkunde ist nach dem römischen Kalender gesetzt: duodecimo kalendas Julii entspricht dem 20. Juli, 4. Jahr der Indiktion. Die Indiktion ist eine spätantike und mittelalterliche Zeitangabe, die für sich allein nicht umgerechnet werden kann; ein Indiktionszyklus beträgt 15 Jahre entsprechend der in diesem Abstand vorgenommenen Neufestsetzung der Grundsteuer.
Übersetzung Dr. Hans-Peter Hils.


Bildnachweise: Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Urkundensignatur: A 493 U 340, Headerbild: Ausschnitt, Rotfärbung der Schrift in Zeile 2 und 3. Seitenbereich: Vorder- und Rückseite der Urkunde A 493 U 340 als Ausschnitt und Vergrößerung. – Ausschnitt aus dem Liegenschaftskataster Owen 1828 und Vergrößerung, Landratsamt Esslingen, Amt für Geoinformation und Vermessung, Karten NO VII 26 und NO VII 27.

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