Weg- und Straßennamen in Owen

Owener Weg- und Straßennamen

Das Gedächtnis einer Stadt findet sich nicht nur in Archiven und Museen. Oft sind es auch historische Gebäude, Plätze und ja – oft auch Straßennamen. Sie halten die Erinnerung an zeitgenössiche oder historische Persönlichkeiten wach, die für die Stadt einmal von besonderer Bedeutung waren oder für diese Besonderes geleistet haben. Eine Straße nach einer Person zu benennen bedeutet aber nicht nur Erinnerung, sondern auch Ehrung desjenigen, der einmal zu einer bestimmten Zeit in der Stadt gelebt und gewirkt hat. Unser Mitglied Fritz Nuffer hat sich damit befasst und die Straßennamen, mit denen die Erinnerung an zwei historische Persönlichkeiten aus Owens Geschichte wachgehalten wird, auf ihren historischen Hintergrund hin beleuchtet.

1 Der Wölfflinweg 2 Der Rooschüzweg 3 Der Zimmermannweg

Der Wölfflinweg

Wo ist dieser Weg und warum heißt er so, was oder wer war Wölfflin – so wird manchmal gefragt. Der Wölfflinweg ist der äußerste Weg im Wohngebiet Brühl westlich des Bahnhofs. Wölfflin ist neben Mörike, Zimmermann und Rooschüz einer der vier Geistlichen früherer Zeit in Owen, die durch irgend eine Besonderheit während ihrer Amtszeit mit der Namengebung eines Weges geehrt werden.

Wollen wir das Leben von Pfarrer Georg Wölfflin richtig verstehen, so müssen wir in der Kirchengeschichte etwas zurückblicken: Im Jahr 1534 wird unter Herzog Ulrich die Reformation in Württemberg eingeführt. Schon 1542 wird Conrad Barner hier in Owen als evangelischer Pfarrer fest angestellt. Nicht nur in deutschen Landen, sondern auch darüber hinaus findet die neue Auslegung der Bibel offene Ohren und Herzen. Immer mehr spalten sich dann die Ansichten über den alten und den neuen Glauben, was sich zum Religionskonflikt in Europa ausweitet und zu einem politischen Machtkampf führt: Dieser erreicht mit dem 30-jährigen Krieg, der im Jahr 1618 beginnt, schließlich seinen Höhepunkt.

Wenn heute in der Welt etwas Außergewöhnliches passiert, dann ist die Nachricht darüber in Sekundenschnelle rings um den Erdball verbreitet. Anders damals: Von den Fehden, Kämpfen und Schlachten irgendwo in Deutschland, die sich die kaiserlichen katholischen Truppen auf der einen und die von protestantischen Fürsten geführten Heere auf der anderen Seite lieferten, hörte man erst nach langer Zeit etwas – oft jedoch nichts.

Hier in Owen ging nach 1618 weiterhin alles seinen gewohnten Gang. 1622 wurde in der Kirche die Chorwand am Turm mit Bildern aus der Bibel bemalt, einige Jahre später 1633 der Boden des Chores mit „Brittern“ belegt und am Turm eine Verzierung angebracht. In dieser Zeit taucht erstmals der Name „Wölfflin“ auf. Ein Eintrag in die Kastenrechnung 1632/33 lautet:

Als den 25ten July 1632 Herrn M. Georginus Wölfflin Pfarrherr allhier Seine Probepredigt gethan, und von Herrn Amman, Bürgermaister und Gericht zu Gast gebeten worden, haben eben besagter Pfarrherrn, Amman, beide Bürgermaister, beide Castenpfleger, Hans Zweisler des Gerichts, Schulmaister, Stadtschreiber und Stadtknecht bei Maria und Anni Beurhlen verbracht 8 f (Gulden) 6 Kr (Kreuzer).

Mitten im 30-jährigen Krieg fand also eine fröhliche Tafelei bei der Einführung des neuen Pfarrers statt. Zuvor war dieser 12 Jahre Diaconus in Kirchheim und wurde in Owen ab 17. Juli 1632 Nachfolger von Pfarrer Martin Schnitzer. Zwei Jahre konnte er hier seinen Dienst versehen und war beliebt bei der Gemeinde. Dann bahnte sich Unheil an. Nach der für die protestantische Seite so verhängnisvolle Schlacht bei Nördlingen am 27. August 1634 ergoss sich das kaiserliche Heer wie ein wilder Strom verheerend über unser Land. Die verrohte Soldateska, wohl seit Monaten keinen Sold erhaltend, fiel plündernd, mordend und brandschatzend mit erbarmungsloser Grausamkeit über Dörfer und Städte her. Besonders waren auch die Prediger der neuen Lehre ihr Ziel, was auch Pfarrer Wölfflin veranlasste zu fliehen, um Zuflucht in einer festen Stadt zu finden. So erreichte er noch vor den Soldaten Nürtingen. Über das Weitere schrieb Diakon Koler in das Owener Totenbuch:

Als die kaiserliche Armee diesen Monat von Heidenheim weiter herab ins Land, nemlich nach Göppingen gerückt und schon im Anzug auf Kirchheim war, ist M. Georg Wölfflin, gewesener Pfarrer allhier zu Owen (weil die Sage war, daß man zu Kirchheim niemand mehr einlasse), nacher Nürtingen geflohen, daselbst den 7. September 1634 Nachmittags um 3 oder 4 Uhr von zwei gefährlichen Stichen und einem tötlichen Schuß darniedergemacht worden in der Schlosskapelle zu Nürtingen, hernacher den 12. d.m. (des Monats) daselbst ehrlich zur Erde bestattet worden. Dessen Leichnam Gott an jenem großen Tage mit allen Christgläubigen gnädig zum ewigen Leben erwecken wolle. Amen.

Ermordet wurde Pfarrer Wölfflin in der Schlosskapelle aufgefunden, bei sich sein liebstes Werkzeug, die Bibel. Er hat wohl darin gelesen, als die Soldaten in die Kapelle eindrangen. Schützend hielt er das aufgeschlagene Buch vor die Brust, aber die Kugel und tödliche Stiche trafen ihn dennoch. Sein Blut bedeckte die Stelle, die er gerade gelesen hatte: 2. Timotheus 4, Vers 7: „Ich habe einen guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe den Glauben gehalten.“

Als „Nürtinger Blutbibel“ bekannt wird sie mit den Blutspuren des Pfarrers noch heute in der Württembergischen Landesbibliothek aufbewahrt – die Bibel des ehemaligen Owener Pfarrers M. Georg Wölfflin.

Verfasser des Beitrags: Fritz Nuffer. Quelle: Kreuz & Quer. Informationen aus Ihrer Kirchengemeinde Owen, Ausgabe Dezember 2006 bis Februar 2007, Spuren der Zeit.

Der “Wölfflinweg” ist als Wölfflinstraße ausgeschildert. Der Unterschied erklärt sich aus der Geschichte der Namenfindung für Owener Straßen. Im Zusammenhang mit den Planungen zum Neubaugebiet Steingau wurde am 25. Januar 1956 der Beschluss gefasst, für die neuen Straßen im Owener Stadtgebiet die Namen historischer Persönlichkeiten zu verwenden. Dazu liegt eine handschriftliche Liste vor, auf welcher die Wölfflinstraße in der Schreibweise “Wölfflin-Straße” aufgeführt ist (StA Owen, OA 641). Sie wurde für den Steingau jedoch nicht verwendet. Im Jahr 1979 wird für den Bebauungsplan Untere Braike die “Wölfflin-Straße” wieder aufgegriffen (StA OA 497) und im Plan für die Baulandumlegung vom 9. Februar 1984 als Wölfflinstraße festgelegt (StA OA 536).