Urkunde aus dem Jahr 1276

Aus der Geschichte der Zähringerstadt Owen

Herzog Konrad von Teck (d.Ä.), Rilindis und Adelheid von Tamiat
‘vinea nostra sita iuxta fossatum apud Owen versus ecclesiam’

Die Urkunde A 493 U 340
Siegler der Urkunde ist Herzog Konrad II., sie bezieht sich aber auf die Verpfändung der drei Eimer Wein an Rilindis durch Konrad I. (gest. 1244/49); eine Urkunde dazu ist nicht vorhanden. Auch wenn es eine solche einmal gegeben hat, so lässt sich nicht entscheiden, ob es sich bei den entscheidenden Textpassagen um ein Transsumpt (auch: Insert) handelt. In einem Transsumpt wird der Inhalt einer älteren Urkunde in eine neue Urkunde aufgenommen („inseriert“), um ihn in seiner Rechtskräftigkeit nochmals zu bestätigen. Mit dem Verweis auf seinen Vater – bone memorie Cůnradus quondam pater noster – bestätigt Konrad II. die Verpfändung an Rilindis, den rechtmäßigen Anspruch ihrer Tochter Adelheid auf das Pfand und bestätigt mit seinem eigenen Rechtsakt die Schenkung an das Kloster in Kirchheim.

Herzog Konrad I. verheiratet Rilindis und gibt eine Mitgift
Vor allem bei Hörigen, Unfreien oder sonstwie Abhängigen musste für die Heirat der Grundherr seine Zustimmung geben. Im vorliegenden Fall gibt Herzog Konrad I. nicht nur seine Zustimmung, er verheiratet Rilindis – Rilindi […] cum eam Bernhero marito suo militi de Tamiat matrimonialiter copulavit – mit dem Ritter Bernher von Tamiat und gibt ihr eine Mitgift in Form eines Pfandes. Er verpfändet aus seinem Eigentum einen Teil des Ertrages aus einem Weinberg, genannt ‘diu Biunde’, von nicht unerheblichem Wert (→ Urkunde, Zeile 3, Zeilenende, bis Zeile 6, Zeilenanfang). Warum er dies tut, darüber kann nur spekuliert werden. Rilindis könnte zum näheren Umfeld seines Hofes gehört haben, in einer nicht näher definierten persönlichen Beziehung zum Herzog gestanden oder sich unter seiner Vormundschaft befunden haben oder war sein Mündel(1).

Die drei Eimer Wein aus diesem Pfand, 39 l nach heutigem Maß, stehen dabei in einem auffälligen Missverhältnis zum Gegenwert von 15 Silbermark, also ca. 3,5 kg Silber. Man darf für den Eimer, die ‘urna’, deshalb mit einer anderen Größe rechnen: “im allgemeinen zwischen 60 und 70 l, in Württemberg zwischen 294 und 307 l.”(2) Um wie viele Liter Weins es sich tatsächlich handelte, ist allerdings kaum zu ermitteln.

Ermittelt werden kann dagegen annäherungsweise die Kaufkraft für ein Pfund Silber, gewogen nach der ‘Kölnischen Mark’. So sind die Preise für Waffen bekannt, hier wurde das Silbergeld nach Gewicht bemessen. Für einen Helm und ein Schwert musste ein Ritter etwas mehr als vier Pfund (= 900 g) Silber aufbringen. Ein Kettenhemd war für ca. dreieinhalb Pfund (= 820 g) zu bekommen. Ein Schild und eine Lanze hatten den Gegenwert von 157 Gramm Silber.(3) Auch wenn diese Werte mit Vorsicht zu nehmen sind, so lässt sich doch der Wert des von Konrad vergebenen Pfandes erahnen.

A 493 U 340, verso, Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Urkunde vergrößern

Über die Familie Taemiat oder Tamiat ist wenig bekannt: 1261 wird ein Ernestus de Tæmiat als Zeuge genannt(4). Die Familie wird zwar in den Umkreis der Grafen von Berg verortet(5), kann aber nicht näher lokalisiert werden und tritt sonst nicht weiter in Erscheinung. Eine Burg der Tamiat wird in oder unmittelbar bei Schaiblishausen angenommen, konnte bisher aber nicht nachgewiesen werden.

‘diu Biunde’ und die ‘Lange Baindt’
Die Urkunde verortet ‘diu Biunde’ auf der Südseite von Owen am Stadtgraben und sich zur Kirche hin erstreckend: vinea nostra sita iuxta fossatum apud Owen versus ecclesiam, que vulgariter dicitur diu Biunde (→ Urkunde, Zeile 2, Zeilenende, bis Zeile 3, Zeilenmitte). Das Liegenschaftskataster von 1828 verzeichnet in den Karten Nr. 0726 und 0727 ein Gewannstück mit dem Namen ‘Lange Baindt’, das jedoch nicht wirklich lang ist, sondern eher einem unregelmäßigen Rechteck gleicht. sita iuxta fossatum meint: gelegen nahe bei, dicht neben dem Graben und versus ecclesiam meint: gegen die Kirche hin. Wörtlich genommen hieße das, dass sich der Weingarten, genannt ‘diu Biunde’, von oberhalb des ehemaligen Oberen Tores am Graben entlang und über das Gewann ‘Im Wattenlauch’ sogar bis zur Lauter hin erstreckt haben könnte.

Die Existenz einer Kirche in der Unterstadt von Owen bereits in der Zeit der fränkischen Landnahme und mit einem nachfolgenden romanischen Vorgängerbau zur Marienkirche gilt als sicher. Als ebenso gesichert darf angenommen werden, dass schon früh eine aus der Talaue auf den prominenten Hangsporn, auf dem die Oberstadt liegt, ausgreifende Besiedelung der Oberstadt erfolgte. Die Topografie bot sich für die Herzöge von Teck wie selbstverständlich für die Gründung und den Bau einer Stadt an, konnten sie damit doch auch die Verbindung aus dem Lenninger Tal nach Beuren ins Neuffener Tal kontrollieren.

Kritisch zu sehen ist fossatum. Zum einen kann es sich dabei um einen wasserführenden Graben handeln, der vom ‘Klaffer’ und ‘Bol’ zur Lauter hin zieht. In der heutigen Form ist dies der ehemalige südseitige Stadtgraben. Zum anderen kann es sich aber auch um einen Befestigungsgraben handeln, zu dem dann auch ein aus dem Grabenaushub erbauter Wall mit Palisaden zu denken wäre. Träfe letzteres zu, so wäre ein Datum für die Stadtgründung Owens in der Zeit Konrads I. (ante quem 1249), eventuell auch in zeitlicher Nähe zur um 1220/30 erfolgten Stadtgründung Kirchheims anzunehmen. Die Verleihung des Stadtrechts an Owen ist urkundlich nicht belegt, sodass eine abschließende Feststellung dazu offen bleiben muss. Bemerkenswert ist jedoch, dass der verstorbene Historiker und Archivar Meinrad Schaab 1979 in einer Untersuchung zu ‘Städtlein, Burg-, Amts- und Marktflecken Südwestdeutschlands’ zu Owen anmerkt, dass es 1276 stat sei.(6)

‘diu Biunde’ Eigengut der Herzöge von Teck
Der Weinberg, gemeinhin ‘die Biunde’ genannt, war Hausgut der Herzöge von Teck. Das erklärt auch, warum im zwischen Württemberg und Teck verhandelten Kaufvertrag über Gutenberg und Owen mit Zugehörde ‘diu Biunde’ ausdrücklich erwähnt wird: It[em] alz och Funken Spåten versetzt ist diu vorder můle der Meyerhof vnd die wingart ze owen die man nennet die Bůnde vmb sechshundert pfund haller”.(7) Ferner fordert Graf Eberhard von Württemberg die Auslösung aller Pfandschaften und die von ihm übernommenen Schulden von Herzog Friedrich von Teck bis zum 23. April 1387. Wie zu erwarten war, war der Herzog dazu nicht in der Lage und so ging die gesamte ehemalige Herrschaft Teck in das Eigentum von Württemberg über.


Owen mit Marienkirche und Oberem Tor, Kieser-Ortsansichten (Inventar), 1680-1690, Hauptstaatsarchiv Stuttgart H 107/7 Bd 5 Bl. 6 Bild 1

Marienkriche, Aufnahme vor 1945

(1) Mundschaft, Vormundschaft, in der rechtshistorischen Literatur überwiegend Munt: Herrschafts- und Schutzgewalt über Personen und Sachen, Vormundschaft eines Herrn, des Königs, auch des Ehemannes, der den ihm Anbefohlenen oder sich ihm Unterwerfenden Rechtsschutz bietet; Wörterbuchnetz: DRW; (2) Brockhaus, Bd. 5 (1968), Lemma: Eimer; (3) Nominale und ihre Kaufkraft; (4) WUB VI, Nr. 1627; (5) „In Schaiblishausen war die bergische Ministerialenfamilie Schadwin von Hausen ansässig, die mit der Familie von Tann/Tann identifiziert werden kann und nach der Nennung ihres Mitglieds Heinrich Schädwin von der Halden 1304 mit der Ministerialenfamilie Halder bzw. von der Haldun stammesgleich war. Die wiederholt behauptete Identität der Familie mit den Herren von Taemiat oder Tamiat hat sich dagegen quellenmäßig nicht beweisen lassen.” Immo Eberl, Der Alb-Donau-Kreis Bd. 2 Sigmaringen 1992, S.181. Ders., Die Grafen von Berg, ihr Herrschaftsbereich und dessen adelige Familien, in: Ulm und Oberschwaben, Mitt. d. Vereins für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben 44, 1982 S.29-171. (6) Meinrad Schaab, Städtlein, Burg-, Amts- und Marktflecken Südwestdeutschlands in Spätmittelalter und früher Neuzeit, in: Zentralität als Problem der mittelalterlichen Stadtforschung, hg. von Emil Neynen (1979), S. 223. Schaab nennt irrtümlich die Jahreszahl 1275; er bezieht sich auf die Beschreibung des Oberamts Kirchheim, S. 244, wo das Städtchen bereits im 13. Jahrhundert als ummauert beschrieben ist. (7) Hauptstaatsarchiv Stuttgart, A 602 Nr. 9613 = WR 9613, 1385 Oktober 29 und Vidimus Pergament von 1389 und 1423. Rolf Götz, Die Herzöge von Teck. Herzöge ohne Herzogtum. Schriftenreihe Stadtarchiv Kirchheim unter Teck, Band 33 (2009), S. 58-70 (Friedrich III.).

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