Steinkreuz von 1722

Steinkreuz von 1722
Kirchstraße/Ecke Amtstraße
 
In das alte Steinkreuz aus Sandstein, bündig eingelassen in die nördliche Umfassungsmauer des evangelischen Gemeindehauses, ist eine kaum erkenntliche Schrift eingemeißelt:
DeM
J.Jacob. Kerner
1722

Im Sterberegister des Ev. Pfarramts Owen, Jahrgang 1722, ist eingetragen: Am 11. Dezember wurde beerdigt Johann Jacob, Johann Jacob Kerners, Bürgers und Bauersmanns allhier Sohn, welcher nächtlicherweil durch einen unglücklichen Straich entleibet worden, seines Alters 17 Jahr 3 Monate. Eine volkstümliche Überlieferung weiß von einer Rauferei, bei der ein tödlich verletzter Bursche im Mühlkanal ertrunken sei.

Das Steinkreuz stand ursprünglich wohl frei an einer unbekannten, jedoch nicht sehr weit entfernten Stelle. Aufnahmedatum rechts unbekannt, links 2004.
Vor dem Auftreten der öffentlichen Gerichtsbarkeit wurde ein Mörder oder Totschläger verpflichtet, dem Toten Genugtuung zu leisten. An der Stelle der Untat wurde als sichtbares Zeichen eines spektakulären öffentlichen Sühne- und Versöhnungsrituals ein Kreuzstein errichtet. Mit den Angehörigen des Getöteten wurde ein förmlicher Sühnevertrag abgeschlossen wurden, in welchem die Sühneleistungen in Form von Messen, Stiftungen und/oder materiellen Schadensersatzleistungen aufgeführt wurden. Für das Owener Steinkreuz wurde ein solcher Sühnevertrag bislang nicht gefunden.

Als im Laufe des 16. Jahrhunderts die staatliche Strafverfolgung an die Stelle der privatrechtlichen Sühne trat, lebte dieser mittelalterliche Brauch in gewandelter Form weiter. Die weiterhin errichteten Steinkreuze verloren ihren Sühnecharakter und wurden zum bloßen Erinnerungszeichen an plötzliche Todesfälle aufgestellt.