Urkunde aus dem Jahr 1261

Berthold, Übelritter von Owen – ein übler Ritter?

Die Lesung „Übelritter“ für die Schreibweise „vbolRather“ gibt Rätsel auf. In den einschlägigen Wörterbüchern (1) findet sich für „vbol“ kein Eintrag, auch lässt sich mit der Phonologie die Verschiebung von „e“ nach „o“ vor dem endständigen „L“ nicht erklären. Die Bedeutung „übel“ für „vbol = vbel“ dürfte dagegen unstrittig sein. Ähnlich verhält es sich mit „Rather“. Auch hier ist die Verschiebung von „i“ zu „a“ mit den Mitteln der Phonologie nicht zu erklären. Weder findet sich in den Wörterbuchkompendien ein Eintrag für „rither“, noch findet sich überhaupt ein Eintrag für ein Lemma mit „i“ gefolgt von einem aspirierten „T“ (2), das eine Deutung als Ritter zuließe. Überlegungen, dass es sich bei Berthold um einen Mundartsprecher gehandelt haben könnte und der Schreiber der Urkunde nach Gehör schrieb oder selbst mundartlicher Sprecher war, sind Spekulation.

Folgt man dem Lautstand in der Urkunde ergibt sich als Lesart „Übelrather[r]“, ein „übler Ratsherr“ also? Zunächst ist festzustellen, dass es sich bei „vbolRather“ um einen Beinamen handelt. Er widerspiegelt die Einschätzung der Person Bertholds durch sein soziales Umfeld im engeren wie weiteren Sinne oder aber, falls er einen solchen hatte, seines Dienstherrn. Dabei muss offen bleiben, ob der Beiname eine positive oder negative Wertung enthält. Der Beiname kann auch selbst gewählt sein, um sich im sozialen Umfeld unverwechselbar zu positionieren. Im Unterschied zum Übernamen ist der Beiname grundsätzlich ein offizieller, unverzichtbarer Namensbestandteil (3). In den Urkunden des 13. Jahrhunderts finden sich zahlreiche Beispiele für Beinamen wie Stubenritter, Klosterritter, Kühritter Bonritter und Frauenritter, auch Steinbiss, Hasenzagel, Göler und Schülein finden sich und nicht zuletzt mit dem Präfix „vbel“: „vbellinus“, „vbelagger“, „vbelisen“ und „vbelherus“ (4).

Berthold, der Übelritter von Owen, gehörte wohl kaum dem Schwertadel an. In den Urkunden werden „echte“ Ritter gemeinhin mit dem lateinischen Wort „miles“ gekennzeichnet und ein Beiname wird mit „dictus“ nachgestellt: „Bertoldus miles dictum Goler de Ravensberg“, „Bertoldus miles dictus Salzvas“, „Hainricus miles dictus Vinko“ (5). Häufiger wird jedoch der Wohnort wie bei Berthold, dem Göler genannt: „de Ravensberg“.

Für den Berthold der Owener Urkunde ergibt sich damit das Folgende: Er war möglicherweise ein Dienstmann des Herzogs von Teck, aber nicht vom Schwertadel. Er trägt einen Beinamen, der ihn wie viele seiner Zeit als Person, aber auch sozial kennzeichnet und von den vielen anderen Bertholden unterscheidbar macht. Sollte er Ratsherr in Owen gewesen sein, ergäbe sich ein weites Feld für Spekulationen über die „Stadt Owen“ und ihr Gründungsdatum. Er war, und das kann man mit Sicherheit sagen, kein übler, das heißt im moralischen Sinn böser Ritter.

Bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts hat sich der Name „Übelritter“ als eigenständiger Familienname verfestigt. In einer Urkunde aus dem Jahr 1348 beurkundet Dekan Heinrich von Owen, dass sein verstorbener Oheim Albrecht genannt von Owen seiner Schwestertochter, der Klosterfrau Agnes von Esslingen, ein Ewiggeld aus Wiesen und Äckern im Dettinger Tobel, aus Gärten in der Vorstadt zu Owen und vsser zwain morgen wingarten die gelegen sint ze Owen bi vbelritters bo[u]ngarten gen bruggen (6) vermacht hat.


(1) Einschlägige Wörterbücher sind über das Portal Wörterbuchnetz am Kompetenzzentrum für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften der Universität Trier zu erreichen.
(2) Mit dem Begriff „aspiriertes ‚T'“ ist gemeint, dass nach dem eingtlichen [t] noch ein kleiner Luftschwall folgt, die Behauchung; steht meist am Wortanfang, gefolgt von einem Vokal.
(3) Die Namenkunde wird für die mittelalterliche Zeit von (noch unfesten) Beinamen ausgegangen, welche die jeweilige Trägerperson charakterisieren (Aussehen, Beruf, Charakter) und die sich später oft zu Familiennamen verfestigen.
(4) Alle Nennungen in Urkunden beim Landesarchiv Baden-Württemberg sowie im Württembergischen Urkundenbuch online (WUB).
(5) WUB, Nr. 1218, 1315, 1873.
(6) Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart, A 493 U 345, 1348 Juli 3 (Ulrichs Abend).