Geschichtsdetektive in Aktion

Birkenteer statt Heißklebepistole

In Owen sind seit gestern „Geschichtsdetektive“ unterwegs. Im Geschichtshaus oder auch bei Ausflügen in die Umgebung sind sie der Geschichte auf der Spur – von der Altsteinzeit bis zur Industrialisierung. Angeleitet werden die Grundschulkinder von der Museumspädagogin Heidi Schubert.

Der Teckbote, Andreas Volz, 29.09.2012

Owen. Ein Museum mit Ausstellungsstücken zu füllen, ist das eine. Ein Museum aber dauerhaft mit Leben zu füllen, ist etwas ganz anderes. Im Owener Geschichtshaus gibt es dazu jetzt einen ersten Ansatz, der Erfolg verspricht: Wer ein Leben lang Interesse an Museen haben soll, der muss dieses Interesse in möglichst jungen Jahren entwickeln. Wichtig ist dabei, das Klischee vom verstaubten Museumsgegenstand gar nicht erst aufkommen zu lassen.


Foto: Deniz Calagan

Die Museumspädagogik macht deshalb die Ausstellungsstücke und ihre Thematik greifbar. Schließlich kommt „begreifen“ von „greifen“, wie Rainer Laskowski betont. Der Kirchheimer Museumsleiter ist nicht nur beruflich an der Museumspädagogik im Kornhaus interessiert. Er will solche Projekte auch an seinem Wohnort Owen voranbringen, in diesem Fall in seiner ehrenamtlichen Eigenschaft als Erster Vorsitzender des Förderkreises „Alt-Owen“.

Eine Kooperation zwischen dem Owener Geschichtshaus und dem Kirchheimer Museum hält er für jederzeit vertretbar. Schließlich stammen etliche Exponate im Kornhaus ursprünglich aus Owen. Außerdem komme es in erster Linie darauf an, dass jemand fachgerecht mit den Museumsstücken umgeht.

Letzteres ist auf jeden Fall garantiert, weil als Museumspädagogin für die Owener Angebote Heidi Schubert gewonnen werden konnte. Sie ist au¬ßer im Kornhaus auch seit vielen Jahren schon im Beurener Freilichtmuseum tätig, um den Besuchern ein lebendiges Bild von der Geschichte zu vermitteln. Dabei geht sie ausdrücklich auch auf die Wünsche und Bedürfnisse ihrer „Kunden“ ein. Dasselbe hat sie auch in Owen vor: „Wenn es etwas gibt, was die Kinder gerne ausführlich machen wollen, dann bleiben wir auch dabei.“

Ein strenger „Lehrplan“ ist ohnehin nicht einzuhalten. Für Owens Schulleiterin Christa Hils ist das sogar der große Vorteil der Museumspädagogik: „Das gefällt mir sehr gut an dieser Arbeit. Hier muss nicht unter allen Umständen ein Bildungsplan erfüllt werden.“ Vielmehr stünden bei Heidi Schuberts Arbeit die Interessen der Kinder im Vordergrund.

Die Schule ist ein wichtiger Partner der neuen Owener Museumspädagogik: Das Angebot für Owener Kinder läuft als Arbeitsgemeinschaft der Schule. Die Schule selbst hat kaum noch Stundenzuweisungen, um eine nennenswerte Zahl an AGs anbieten zu können. Und mit ausschließlich ehrenamtlichen Helfern sind weder schulische Arbeitsgemeinschaften noch Museumspädagogik dauerhaft zu betreiben. „Man braucht heute neben dem ehrenamtlichen Engagement eben auch professionelle Experten“, sagt Rainer Laskowski, der gestern gemeinsam mit Schulleiterin Hils die Kooperationsvereinbarung zwischen Förderkreis und Schule unterzeichnet hat.

Was können die zehn Kinder pro Gruppe zwei Stunden lang an insgesamt zehn Donnerstagnachmittagen im Owener Geschichtshaus tun und erleben? Zum Auftakt gestern durften sie altsteinzeitliche Behausungen im Modellformat nachbauen – mit natürlichen Materialien, die sie rund ums Geschichtshaus selbst gesammelt hatten. Großen Wert legt Heidi Schubert auf „authentische Materialien“. Als Beispiel führt sie an: „Wenn wir etwas kleben müssen, dann will ich das nicht mit einer Heißklebepistole machen. Wir verwenden dann Birkenteer – wie in der Altsteinzeit.“

Die Kinder konnten gestern außerdem Tiermodelle der jeweiligen Zeit zuordnen und lernten dabei spielerisch den Unterschied zwischen Alt- und Jungsteinzeit kennen: Während zur Altsteinzeit eher die wilden Tiere wie Mammut, Wollnashorn oder Säbelzahntiger gehören, lassen sich der Jungsteinzeit die häuslichen Nutztiere zuordnen – Rinder, Ziegen, Hunde.

Die Finanzierung des kostenlosen Angebots, das zunächst in drei Gruppen bis zum Schuljahresende laufen soll, teilen sich zu je einem Drittel der Förderkreis „Alt-Owen“, das Land Baden-Württemberg – über das Jugendbegleiter-Programm – sowie die Stadt Owen. Die Stadt ist für Materialkosten zuständig und hat natürlich selbst ein eigenes Interesse daran, das Geschichtshaus fest im Bewusstsein der Owener Grundschulkinder zu verankern.

Besonders hat sich Bürgermeisterin Verena Grötzinger deshalb über die Begeisterung der Dritt- und Viertklässler gefreut: „Es ist toll, dass sich alle Kinder freiwillig gemeldet haben. Da wird niemand ,zwangsverpflichtet‘. Als das Projekt vorgestellt wurde, haben alle spontan gesagt: ,Wir wollen da mitmachen‘.“


Mitten im Leben vergangener Zeiten

Den jungen Owener „Geschichtsdetektiven“ geht es nicht viel anders als echten Detektiven: Manchmal kommen sie nur langsam voran in ihrer Arbeit. Aber spannend ist es trotzdem, was sie so alles erfahren, wenn sie der Geschichte der Menschheit nachspüren.

Der Teckbote, Andreas Volz, 16.07.2013

Owen. Mittlerweile hat auch die zweite Gruppe der Geschichtsdetektive ihre freiwilligen Aktivitäten im Owener Geschichtshaus abgeschlossen, und es ist diesen Kindern nicht anders ergangen als ihren Vorgängern im Herbst: Sie waren mit Feuereifer bei der Sache. Nur eines gefällt ihnen überhaupt nicht – dass sie jetzt schon fertig sind mit ihrer spannenden Reise in die Vergangenheit.


Foto: Jean-Luc Jacques

Die elektrische Herdplatte ist eine der wenigen Konzessionen an die Moderne, wenn Museumspädagogin Heidi Schubert mit ihren Geschichtsdetektiven historische Materialien ausprobiert: Auf dem Bild werden gerade Wachstafeln hergestellt, die sich mit einem Metallstift beschreiben lassen.

„Wir haben uns ziemlich lange in der Altsteinzeit aufgehalten“, sagt Museumspädagogin Heidi Schubert beinahe entschuldigend. Deshalb sei die Gruppe jetzt am Ende ihres Geschichtsdurchgangs auch erst bei den Römern angekommen. Das ist aber eigentlich gar nicht weiter schlimm, denn schon bei der Vorstellung des Projekts im September haben alle Beteiligten als Vorzug herausgestellt, dass hier die Interessen der Kinder im Vordergrund stehen.

Heidi Schubert konnte sich folglich auf das konzentrieren, was die Owener Grundschüler in ihren Gruppen besonders fasziniert hat. Einen Lehrplan gab es nicht zu erfüllen – auch wenn die Geschichtsdetektivs¬arbeit eine Kooperation zwischen dem „Alt Owen“-Förderkreis und der Sibylle-von-der-Teck-Schule ist. Das einzige Ziel, das es wirklich zu erreichen galt, bestand darin, das Interesse der Kinder an der Geschichte zu wecken und die Vergangenheit spannend und lebendig darzustellen.

Und so haben die Grundschüler gemeinsam mit Heidi Schubert zum Beispiel Materialien kennengelernt und damit gebastelt. In der Steinzeit gab es nur Stein, Holz oder Horn als Werkstoff sowie Zunder und Feuerstein zum Feuermachen, sagen die kleinen Experten jetzt im Rückblick und erzählen auch gleich, was sie sonst noch gemacht haben: Pfeile. Der Feuerstein eignet sich nämlich auch dafür, um ihn zu Pfeilspitzen zu verarbeiten. Um die Spitze aus Stein mit dem Schaft aus Holz zu verbinden oder auch um die Federn am anderen Ende des Schafts zu befestigen, haben die Kinder Birkenteer als Klebstoff verwendet.

Außer Geschichte lernen die Grundschüler also auch sehr viel Praktisches im Geschichtshaus kennen. Speziell die Materialkunde geht noch weiter: Verschiedene Metallsorten waren etlichen Kindern noch weitgehend unbekannt, hat Heidi Schubert festgestellt. Also hat sie Gold, Silber, Bronze, Zinn, Kupfer, Eisen oder Messing anhand verschiedener Gegenstände vorgestellt – unabhängig davon, ob es sich dabei um Elemente oder um Legierungen handelt. Und selbst ein „modernes“ Metall durfte nicht fehlen: Auch mit Aluminium hat Heidi Schubert ihre Schützlinge vertraut gemacht.

Kleider und Textilien sind bei den Geschichtsdetektiven ebenso greifbar und begreifbar wie Metalle, und so haben sich die Kinder auch damit beschäftigt, Wolle mittels Stöckchen zu Fäden zu spinnen. Dazu haben sie auch berechnet, dass man für das Gewebe eines keltischen Gewands rund sieben Kilometer Faden benötigt.

Inzwischen sind die Geschichtsdetektive also bei den Römern angelangt, und auch dabei hüllen sie sich in prächtig aussehende Gewänder. Vorführen wollen sie ihre Gewänder und sonstigen Arbeitsergebnisse jetzt am Wochenende beim Owener Stadtfest: In der Schulbücherei am Rathausplatz zeigen sie am Samstag, 20. Juli, von 16 bis 18 Uhr und am Sonntag, 21. Juli, von 14 bis 16 Uhr eine kleine Ausstellung.

Besonders wichtig aber ist, dass es im nächsten Schuljahr weitergehen soll mit dieser besonderen Zusammenarbeit zwischen „Alt Owen“, der Stadt und der Schule. Vielleicht gelangt sie dann von der Römerzeit bis zur Renaissance, sagt Heidi Schubert. Aber auch dann würde noch gelten, was Schulleiterin Christa Hils ergänzt: „Es ist schön, dass die Kinder so begeistert bei der Sache sind. Zahlen, Daten und Fakten können sie später immer noch lernen.“