Grabplatte in der Marienkirche

Der Teckbote, 22.05.2018

Ein Wikinger in Owen?

Geschichte. Da schlugen nicht nur die Herzen der Archäologen schneller. Bei Renovierungsarbeiten in der Owener Marienkirche entdeckte Rainer Laskowski mit seinen Mitstreitern eine jahrhundertealte Grabplatte. Von Iris Häfner


Rainer Laskowski entdeckte mit seiner Archäologie-AG die spätmittelalterliche Grabplatte. Foto: Jean-Luc Jacques

Beeindruckend sieht die Grabplatte aus, die bei Renovierungsarbeiten in der Owener Marienkirche entdeckt wurde – auch wenn sie wegen des Heizungseinbaus 1972 etwas in Schieflage geraten ist. Den Helm ziert ein imponierender Hörnerschmuck, was unweigerlich Assoziationen an Wikinger hervorruft. Zwei Wappen schmücken den Stein ebenfalls, und es gibt fast rund herum eine Inschrift. Die Zeile unter den Wappen fehlt jedoch. Dort stehen in der Regel die Namen, weshalb es für die Fachleute etwas knifflig wird, die Identität des verstorbenen Adligen herauszufinden. Die vorhandene Inschrift hat durch die Heizungsarbeiten ein wenig gelitten. Es wurde versucht, eine Eisenarmierung in den Kirchenboden zu hämmern. Weiter als zur Platte ging es aber nicht, doch dabei wurde sie beschädigt. Außerdem landete auf einem Rand Beton, der nun von Rainer Laskowski, Archäologe und Vorsitzender des Alt-Owen-Förderkreises, vorsichtig mit einem Meißel weggehämmert wird.

Dass die spätmittelalterliche Platte überhaupt entdeckt wurde, ist den Umbauplänen der evangelischen Kirchengemeinde zu verdanken. Ehrenamtliche entfernten die Kirchenbänke links und rechts des Mittelgangs. Die werden durch Stühle ersetzt, damit mehr Aktionsraum nach dem Altarbereich Richtung Kirchenschiff geschaffen werden kann. Damit keine Stolperfallen entstehen, ist eine ebene Fläche unabdingbar, weshalb es für den künftig abgesenkten Holzboden einen Unterbau braucht. 40 Zentimeter tief muss dafür der Kirchenboden abgetragen werden. Rainer Laskowski erhielt vom Landesamt für Denkmalpflege den Auftrag, diese Abräumarbeiten zu überwachen. „Schon nach 15 bis 20 Zentimetern stießen wir mit dem Hybridbagger auf Befunde – und dann war klar: Das läuft anders als geplant, nur ein paar Schubkarren mit Dreck rauszufahren, das ist hier nicht“, erzählt Rainer Laskowski.

Die Ehrenamtlichen der Kirchheimer Archäologie-AG waren auf alte Ziegelsteine und den Sandstein gestoßen, der sich dann als Grabplatte entpuppte. „Da sind wir dann hellfühlig geworden. Der Grabstein stammt wohl aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts und ist vermutlich der älteste, der bisher in Owen gefunden wurde, und der erste, der mit Sicherheit noch aus der Zeit der Herzöge von Teck in Owen stammt und an diese erinnert“, sagt Rainer Laskowski. Um 1390 wurde die gotische Kirche erbaut, die Vorgängerkirche war romanischen Ursprungs und um etwa 1150 erbaut worden. Bis auf den Turm wurde der Bau jedoch ein Raub der Flammen. Im Unterstädtle gab es um 1385 einen Stadtbrand.

Als der Sandstein freigelegt war, zeigte sich seine ganze Pracht. „Die Helmzier sind Büffel- oder Stierhörner, die wie aus einem Tierschädel wachsen. Merkwürdig ist, dass sie oben eine runde Öffnung haben, wie wenn die Hörner abgeraspelt oder abgeschnitten wären“, beschreibt der Archäologe die Besonderheit. Die hat er aber auch schon auf dem Jannowitz-Epitaph von 1611 entdeckt, der in die Wand im Chor eingelassen ist. Dessen Frau war eine geborene Schilling von Cannstatt, eine der herrschenden Adelsfamilie im Lenninger Tal. „Stierhörner im Wappen gibt es weit verbreitet. Der Ursprung dürften Signalhörner gewesen sein. Der Minnesänger Gottfried von Neifen hat ebenfalls die abgesägten Hörner im Wappen“, erklärt Rainer Laskowski. Das alte Rittergeschlecht Sachsenheim, das erstmals 958 erwähnt wird, ist seiner Ansicht nach das erste, das dieses Wappen führte. Dann seien die Hörner bei vielen Adelsfamilien, insbesondere den niederen, geführt worden.

Info. In der Owener Marienkirche handelt es sich um eine Grabung des Landesamts für Denkmalpflege Baden-Württemberg, Referat Archäologische Denkmalpflege. Diese Arbeit wird von Rainer Laskowski als ehrenamtlich Beauftragtem des Landesamtes vor Ort betreut und auch von der Kirchheimer Archäologie-AG sowie Timo Kammerer aus Unterlenningen von der Gruppe Fakt-Förderverein für Archäologie in Grabenstetten unterstützt. Inzwischen sind zudem zwei Grabungstechniker des Landesamtes Baden-Württemberg vom Referat Operative Archäologie aus Ulm in der Marienkirche im Einsatz.


Mittelalterliche Grabplatte in der Marienkirche Owen gefunden mit Rainer Laskowski bei der Ausgrabung.

Quelle: Teckbote vom 22.05.2018; Abruf des Beitrags von der Homepage des Teckboten.